Rolltuchausstellung
[Home] [News] [Newsarchiv] [2005] [ Rolltuchausstellung] 

Newsarchiv 2005

Lausitzer Rundschau vom 26.09.2005

Schau historischer Rolltücher im Textilmuseum

Rollen hatte nicht nur romantische Seiten

Forst.  Passend zur Eröffnung der Ausstellung im Forster Textilmuseum «Komm, lass uns mal die Rolle drehn» , präsentierte sich am Freitagabend vor zahlreichen Besuchern musikalisch ein frisch gebackenes „Forster Wäscherquartett“.

Rolf Hill und Thomas Rehfeld vom Männergesangsverein Noßdorf sowie Angelika Dubrau und Ute Schmidt vom 1. Forster Frauenchor hatten sich eigens zu diesem Anlass zusammengefunden.

Als Ehrengast des Abends konnte Museumsleiterin Michaela Zuber, Gisela Meyer begrüßen, deren prächtige Leinen-Rolltücher aus vergangenen Zeiten das Gros der textilen Schau bildeten. Nach einem Exkurs durch die Geschichte der Rolltuchherstellung führte die Berlinerin die Besucher durch die Ausstellung. Sie sei völlig davon überrascht, dass sich Forst noch in der „Roll-Ära“ befinde, verriet die Berliner Sammlerin. In zehn- bis 20 Jahren werde es diese Art der Wäscheglättung wohl nicht mehr geben.

Er sei erst heute Vormittag in der Bahnhofstraße „auf Rolle“ gewesen, verriet Rolf Hill, der Instrumentalist des Wäscher quartetts. Dort sei so ziemlich die gesamte Wäsche bearbeitet worden.

Solche herrlichen Rolltücher seien zum Rollen doch viel zu schade, meinten viele Gäste der Ausstellungseröffnung. Sie könnten sich diese viel besser als Tischdecken vorstellen.

Auch Monika Kaiser aus Forst begeisterten die schönen Tücher. Die heute 44-Jährige verbindet Erinnerungen aus ihrer Kindheit mit dem Wäscherollen. Während ihrer Kinderzeit in Groß Schacksdorf habe auch sie gerollt, war jedoch besonders von der technischen Seite des Rollens fasziniert.

Ingeborg Fabian dagegen weint jedoch den historischen Kolossen keine Träne nach. Sie stamme aus einer Friseurfamilie und wisse daher, was Rollen bedeute: körperlich äußerst anstrengende Arbeit. Die weißen Friseurkittel aus schwerem Köpergewebe mussten ja immer akkurat aussehen, erzählte die heute 76-jährige Forsterin und sang ein Loblied auf die moderne Technik. Wie dankbar wäre sie in jener Zeit für ein modernes Dampfbügeleisen gewesen.  (ah)

Lausitzer Rundschau vom 22.09.2005

Warum die nächste Ausstellung im Textilmuseum Seltenheitswert hat

Keineswegs von der Rolle

Forst. «Komm lass uns mal die Rolle drehn» , lautet der Titel der neuen Sonderausstellung im Brandenburgischen Textilmuseum Forst. Ab Freitagabend sind Kaltmangeln, Rolltücher und alte Reklameschilder zu sehen. Die gemusterten Rolltücher sind eine Leihgabe der Sammlerin Gisela Meyer.  Die Noten des wohl bekanntesten Mangel-Liedes «Komm lass uns mal die Rolle drehn» von Walter Kollo hängen gleich am Anfang der Schau. Doch so lustig-beschwingt wie der Komponist sahen die Frauen diese Arbeit wohl nicht.

Foto: Ronald Ufer

Schwere Arbeit: Oft waren die Rollen noch mit Steinen beschwert, damit die Wäsche wirklich glatt wurde. Gisela Meyer sammelt Rolltücher und stellt sie ab morgen in Forst aus.

Viel Kraft war nötig, denn die Holzwalzen waren massiv und oft mit Steinen beschwert, um den nötigen Druck zum Glätten der Wäsche ausüben zu können.

Auch Sammlerin Gisela Meyer begnügt sich beim Aufbau der Ausstellung mit wenigen Umdrehungen, um zu prüfen, ob das Gerät funktioniert. «Sie geht sehr schwer. Diese Hausarbeit kann man sich heute kaum noch vorstellen» , meint sie. Erst die Einführung elektrischer Mangeln verringerte diese Mühen.

Das Wort Mangel findet der Besucher fast nur in den erklärenden Texten. Hersteller und Geschäfte sprachen aus verständlichen Gründen lieber von der Rolle. Auch dabei gab es feine Unterschiede, der Sachse ging auf die Rolle, der Berliner zur Rolle.

Mit dabei waren in jedem Fall großformatige Rollentücher aus Jacquardgewebe mit Mustern und Schmuckkanten in Rot oder Blau, in welche die Wäsche zum Schutz beim Mangeln eingewickelt wurde. Der Schriftzug «Rollentuch» wurde meist eingewebt, denn die feinen naturfarbenen Leinengewebe hatten noch eine zweite Funktion: Sie wurden beim Gang zur Mangel dekorativ über die Wäsche geschlagen als eine Art Statussymbol des jeweiligen Haushaltes. In Preußen waren die in Schlesien hergestellten Gewebe sogar ein Kulturgut, zu einer Aussteuer gehörten immer drei Stück. «Bei richtiger Behandlung hielten sie das ganze Leben» , sagt die Sammlerin. Doch die richtige Behandlung fiel vielen Hausfrauen schwer: Die Rolltücher sollten eigentlich nicht gewaschen und vor allem nicht gebleicht werden. Doch der graubraune Stoff neben den schneeweißen Tüchern störte in vielen Haushalten das Ordnungs-, Reinheits- und Schönheitsempfinden. Vollwaschmittel und Bleiche zerstören jedoch die feinen Muster. Je heller der Stoff wird, um so mehr verschwimmen Szenen aus dem Haushalt, Heinzelmännchen, Zwerge, Engel und Schwäne. Kleine Figuren und Symbole schmücken meist zudem die farbigen Schmuckkanten, deren Design stärker als die großen Muster dem jeweiligen Kunst- und Zeitgeschmack angepasst wurde. Ob Gründerzeit, Jugendstil, Art déco oder 30er-Jahre: Nur auf einem Tuch wurde ein im Haushalt helfender Mann abgebildet, der die Rolle dreht.

Die meisten Tücher stammen aus preußischen Landen, wie sich an den Maßen von zwei Metern Länge und 80 Zentimetern Breite erkennen lässt. Sächsische Tücher wurden für Geschäfte gefertigt und sind deutlich länger. Einige Tücher widerspiegeln die Probleme der Entstehungszeit. So wurden nach den beiden Weltkriegen minderwertige Gewebe verwendet, Tücher aus den 50er- bis 70er-Jahren entstanden mit weniger Musterung. Vom Übergang zum Bügeln zeugen Brandspuren auf den oft als Unterlage genutzten Tüchern. Viele wurden 1945 zu Säcken zusammengenäht, um Wäsche und anderes mit auf die Flucht zu nehmen. Heute sind historische Tücher, wie sie Gisela Meyer seit 15 Jahren zusammen trägt, nur auf Trödelmärkten, bei Internet-Auktionen und in Antiquitätengeschäften zu finden.

Hintergrund Ausstellungseröffnung

Die Ausstellung «Komm, lass uns mal die Rolle drehen» wird morgen Abend um 19.30 Uhr in Brandenburgischen Textilmuseum eröffnet.

von Ronald Ufer