
| Thema |
Die Stadt Forst
(Lausitz) und ihre Tuchmacher Kurzvortrag, 5. März 1999 (1 Tabelle und 2 Grafiken) |
| Autor | Sven Zuber |
| im Speicher seit: | 31. Dezember 2000 |
2. Entstehung der Stadt bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
2.1. Stadtgründung
2.2. Biebersteiner
2.3. Herzogin Luise von Sachsen-Merseburg
2.4. Heinrich von Brühl
2.5. Forst zu Preußen
3. Der Aufschwung der Textilindustrie - Carl August Groeschke
4. Textilindustrie in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts
6. Die Entwicklung seit Ende des zweiten Weltkrieges
7.1. Forster Webwaren GmbH und Textilmuseum
7.2. Weiterführende Literatur
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bedanke mich für die freundliche Einladung zu Ihrem interessanten Colloquium. Gern bin ich der Bitte von Frau Dr. Kück nachgekommen, und werde Ihnen einen Einblick in die Geschichte der Forster Tuchmacher geben. Da das Thema unseres heutigen nachmittags aber auf die Zukunft der Forster Textilindustrie gerichtet ist, werde ich mich auf einen Überblick beschränken. Weiterführende aktuelle Literaturhinweise zum Thema finden Sie am Ende.
Im Mittelalter kreuzten zwei Handelsstraßen das Gebiet der späteren Stadt Forst. Zu deren Sicherung und zum Schutz des Neißeüberganges wurde eine Burg errichtet. Um die Burg entwickelte sich ein Marktflecken mit einer dazugehörigen Siedlung. Um das Jahr 1265 wurde die Stadtkirche errichtet und dem St. Nikolai als Schutzpatron der Handelsreisenden und Kaufleute geweiht.
Die erste bekannte urkundliche Erwähnung des Ortes erfolgte 1346 in der Meißner Stiftsmatrikel als Sede Forst und Sitz eines Erzpriesters.
In den Jahren 1380 bis 1667 gehörte die Herrschaft Forst dem adligen Geschlecht der Biebersteiner. Unter ihnen entwickelte sich Forst als eine normale durchschnittliche niederlausitzer Kleinstadt.
Die Kirchenbücher der Stadt Forst beginnen mit dem Jahre 1587 und führen sofort Tuchmacher, Walker, Tuchscherer usw. auf. 1418 erhielten die Forster Tuchmacher von den Standesherren ein "Tuchmacherprivileg".
Im 16. und 17. Jahrhundert kamen viele Tuchmacher aus den Niederlanden und Schlesien nach Forst. Um 1647 wurde hier die erste Tuchmacherinnung gegründet. Im Jahr 1660 gab es 35 Tuchmachermeister und zwei Tuchschärer.
Im Jahre 1704 nahm die Herzogin Luise von Sachsen-Merseburg ihren Witwensitz im Jahnschen Schloß in Forst und verstarb hier 1736 im Alter von 63 Jahren. Während ihrer Anwesenheit in Forst erlebte die Stadt ihren letzten prunkvollen feudalen Höhepunkt und rückte 32 Jahre lang in ein kleines Blickfeld des deutschen Hochadels. Alle Handwerker, Händler und viele Bürger profitierten in dieser Zeit wirtschaftlich von der Hofhaltung der Herzogin.
Von ihrem großen Gefolge blieben selbst nach ihrem Tode viele in der Stadt, deren Nachfahren bedeutende Tuchfabrikanten wurden und die industrielle Entwicklung mitbestimmten.
Unbedingt erwähnt sei hier auch der Sächsische Kabinettsminister Graf Heinrich von Brühl, der 1746 die Herrschaft Forst kaufte. Im großen Stadtschloß ließ er die erste Tuch- und Leinenmanufaktur einrichten und holte dazu einen Fachmann aus Torgau von der dortigen Schönfeldschen "holländischen und spanischen Tuchfabrik".
Bis zum Jahre 1815 gehörte Forst zur sächsischen Niederlausitz und nach dem Wiener Kongreß zu Preußen. 1821 errichtete der Kaufmann Jeschke aus Pförten auf dem Schloßgrundstück in Forst die erste Spinnfabrik und beschäftigte 165 Arbeiter. Da nur Wasserkraft benutzt wurde, war die Fabrikation in der ganzen Stadt von Witterung und Naturereignissen besonders abhängig - Wassermangel oder Hochwasser legten mitunter die ganze Fabriktätigkeit über Wochen lahm. So konnten z.B. im Jahre 1840 an die 500 Tuche wegen Wassermangels nicht gewalkt und nicht zur Leipziger Messe geschickt werden.
Im Jahr 1840 führte der Tuchmachermeister C. A. Groeschke die Herstellung von gemusterten Stoffen unter der aus dem Englischen stammenden Bezeichnung "Buckskin" (entspr. Bockshaut) unter großem lokalen Widerstand der Tuchmacherinnung ein. Der "Pfuscher und Störer" wurde jedoch schnell zum Sinnbild für eine junge aufstrebende Textilindustrie. Die Buckskinfabrikation verhalf den Forster Tuchfabikanten zu einem raschen Warenumsatz, denn die angefertigten Stoffe ließen sich bedeutend billiger herstellen als die aus England importierten Buckskins.
Forst erhielt in Fachkreisen den Beinamen "Deutsches Manchester", denn bereits 1906 gab es in der Stadt 200 Fabriken, die Buckskins herstellten und mit ihren Nebengewerben über 11.000 Arbeiter beschäftigten.
1844 wurde die erste Dampfmaschine in Forst von dem Tuchmachermeister Gottlieb Hennig in Betrieb gesetzt.
Seit dem Jahre 1853 wird von der Ausfuhr der Forster Erzeugnisse nach Amerika berichtet.
Die im Jahre 1872 eröffnete Eisenbahnlinie Halle-Cottbus-Sorau trug sehr zum Aufblühen der Industrie bei; die dadurch entstandenen Verbindungen mit den Messe- und Marktorten, die verbilligte Zufuhr der Rohmaterialien wie auch der Braunkohle aus dem nahen Niederlausitzer Braunkohlenbecken förderten die Unternehmungen aufs Beste.
1880 erhielten die Forster Artikel der Gebr. Klemm, die sich an einer Ausstellung in Sydney beteiligten, eine Auszeichnung.
1885 wurden:
Der Betrieb fand statt mittels:
Als wichtige Standortbedingung der Tuchindustrie wirkte sich die seit 1893 bestehende Forster Stadtbahn aus. 1925 verfügten 97 Fabrikgebäude mit 283 Betrieben (darunter 251 unmittelbar zur Tuchindustrie gehörende) über einen Gleisanschluß an das insgesamt 24 Kilometer lange Streckennetz der Stadtbahn, auf dem 8 Schmalspurlokomotiven zum Einsatz kamen.
1926 waren rund 40 Prozent aller in der niederlausitzer Tuchindustrie Beschäftigten in Forst tätig - das übertraf hinsichtlich des Konzentrationsgrades der textilindustriellen Bevölkerung alle anderen deutschen Textilindustriezentren.
In den 30er Jahren unseres Jahrhunderts wurden auf 4.500 Webstühlen ca. 18-20 Millionen Meter Tuch hergestellt, so daß statistisch auf jeden fünften Deutschen ein Anzug aus Forster Tuch entfiel.
Die Erzeugnisse der Forster Tuchindustrie waren gekennzeichnet durch den überragenden Anteil von Streichgarngeweben. Als Tuchstadt zunächst durch Buckskinproduktion bekannt geworden, lieferte Forst später vor allem Mantel-, Anzug- und Kostümstoffe in verschiedensten Qualitäten für die Konfektion.
Als Ergänzung zu der Verarbeitung herkömmlicher Spinnstoffe hatte sich in Forst außerdem die Herstellung von Roßhaargeweben mit dem größten Unternehmen dieser Art in Deutschland angesiedelt, dessen Erzeugnisse unter dem Namen "Hänsel Roßhaar" Weltruf hatten.

Quelle: Stein, Erwin; Monographien deutscher Städte, Band XXIV Forst (L.), Berlin 1927

Quelle: Stein, Erwin; Monographien deutscher Städte, Band XXIV Forst (L.), Berlin 1927
Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Forster Tuchindustrie als Folge ihrer vorrangigen Lokalisation in der Innenstadt besonders schwere Schäden. In der Schlußphase des Krieges war Forst für mehrere Wochen unmittelbare Hauptkampflinie. Industriebetriebe und Versorgungseinrichtungen hatten die Arbeit eingestellt und die Bevölkerung wurde zwangsläufig evakuiert.
1945 war Forst durch die Kriegseinwirkungen zu rund 85 Prozent zerstört. 38 Prozent der Industrieanlagen, öffentlichen Gebäude und Wohnhäuser wiesen Totalschaden auf.
1966 waren in den 30 Standorten der Tuchindustrie der Stadt Forst wieder 4.018 Arbeitskräfte beschäftigt. Mit Beginn des Jahres 1964 entstand durch die Vereinigung der Standorte und somit der Konzentration der Produktion der "VEB Forster Tuchfabriken". Er zählte 1967 gleich neun Teilwerke und vier weitere Abteilungen und war mit 1.540 Beschäftigten der größte Volltuchbetrieb der DDR.
In den 70er und Anfang der 80er Jahre waren insgesamt ca. 3.000 Arbeiter in den Forster Textilbetrieben beschäftigt.
Mit der Forster Webwaren GmbH und den 1992 gegründeten Brandenburgischen Tuchfabriken GmbH bleiben die Erinnerungen an die Wurzeln des "Deutschen Manchesters" wach. Ebenso das Bekleidungswerk und die Firma Sander.
Dieses Colloquium möge das seine dazu beitragen, damit es so bleibt.
Das Brandenburgische Textilmuseum Forst (L.) besteht seit 1995 und kann auf ständig steigende Besucherzahlen verweisen.
Besonderes Lob gilt hier auch dem Engagement der Forster Webwaren GmbH innerhalb des Textilmuseums und herzlicher Dank für eine ausgezeichnete Zusammenarbeit.
Abschließend noch ein Hinweis zu aktueller weiterführender Literatur zum Thema:
Clemens, Petra: Die aus der Tuchbude – Alltag und Lebensgeschichten Forster Textilarbeiterinnen
aus der Reihe Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt / Band 6 / herausgegeben von Günter Bayerl, Waxmann-Verlag 1998
Bayerl, Günter (Hg.): Technisch-historische Spaziergänge in Cottbus und dem Land zwischen Elster, Spree und Neiße, Niederlausitzer Edition, Cottbus 1995 / mit dem Kapitel: Das "Deutsche Manchester". Ausflug in die Textilstadt Forst von Norman Fuchsloch
ACOL Gesellschaft für Arbeitsförderung mbH: Tuchstädte der Niederlausitz. Forst / Guben / Spremberg / Finsterwalde. Dokumentarisches über das Auf und Ab in einem traditionellen Berufszweig, Cottbus 1995
Märkisches Birmingham – Deutsches Manchester. England und die Frühindustrialisierung in Brandenburg
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Forst (L.) |
Cottbus |
Spremberg |
Guben |
Sommer-feld |
Finster-walde |
Sorau |
Peitz |
Gesamt |
|
Zahl der Tuchfabriken |
288 |
53 |
25 |
7 |
9 |
3 |
3 |
1 |
389 |
|
Zahl der selbständigen Spinnereien |
28 |
5 |
2 |
- |
1 |
- |
- |
1 |
37 |
|
Zahl der selbständigen Kunstwollbetriebe |
11 |
2 |
2 |
1 |
2 |
- |
1 |
1 |
20 |
|
Zahl der selbständigen Färbereien |
9 |
7 |
2 |
- |
- |
- |
- |
- |
18 |
|
Zahl der selbständigen Appereturanstalten |
30 |
5 |
- |
- |
- |
- |
- |
- |
35 |
|
Zahl der Webstühle |
4.518 |
2.020 |
1.574 |
802 |
738 |
383 |
250 |
128 |
10.413 |
|
Zahl der Spindeln |
240.821 |
72.200 |
96.264 |
31.220 |
33.923 |
16.620 |
13.000 |
4.000 |
508.048 |
Quelle: Stein, Erwin; Monographien deutscher Städte, Band XXIV Forst (L.), Berlin 1927